Heike Drummer

 

„Ich habe nie empfunden, dass es eines besonderen Mutes bedurft hätte. Es bedurfte lediglich einer überzeugenden Kraft, die jeder schöpfen kann aus den Tiefen des in jedem Menschen vorhandenen moralischen Gefühls.“  Karl Plagge, „Gerechter unter den Völkern“, 26. April 1956

Wissenschaftler schätzen heute, dass während des „Dritten Reichs“ etwa 20.000 Menschen bereit waren, unter den Extrembedingungen des NS-Regimes verfolgten Juden zu helfen. Ihre mutige und couragierte Unterstützung reichte von spontanen Solidaritätsadressen über die Versorgung mit Lebensmitteln und gefälschten Papieren bis zur riskanten Organisation von Verstecken und Rettung vor der Deportation. Viele dieser Persönlichkeiten wurden bis heute durch die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Noch immer wirft der Gegenstand Fragen auf, die von der Forschung kontrovers diskutiert werden. Etwa: Wie gefährlich war es überhaupt, Juden zu helfen? – Was motivierte die Helfer zu ihrem Handeln? – Wie gelang es diesen Menschen, während der NS-Zeit ihre humane Orientierung zu bewahren? – Welche Spielräume gab es für den Einzelnen oder ein Netzwerk? – Gab es „Retter-Persönlichkeiten“? – Wie viel Hilfe war notwendig, um ein Menschenleben retten zu können? – Wie qualifizieren wir heute Hilfe?

Antworten auf diese Fragen versucht die Ausstellung Gegen den Strom. Solidarität und Hilfe für verfolgte Juden in Frankfurt und Hessen an einer Reihe von Beispielen zu geben, die sich in Frankfurt am Main sowie in Hessen ereignet haben und die bis heute kaum bekannt sind. Die Ausstellung wurde zuerst im Frankfurter Museum Judengasse gezeigt (9. Mai bis 14. Oktober 2012).

Es werden Themen präsentiert, die verschiedene Qualitäten solidarischen Verhaltens mit verfolgten Juden beleuchten: Liebe, Freundschaft, Solidarität und Treue, Nächstenliebe, Hilfe bei der Emigration, im Umfeld des November-Pogroms oder aus Verfolgungsinstitutionen, Versorgung mit Lebensmitteln, Aktivitäten von Fälschern, Versteck, Kontakte zu Deportierten, Rettungen aus der Massendeportation, in Konzentrationslagern oder im Schatten des Vernichtungskrieges.

Im Fokus stehen jeweils Individuen oder Gruppen: die Helfer, Retter und Netzwerke aus Frankfurt am Main und dem heutigen Hessen. Dokumentiert sind Beispiele geglückter Hilfen wie auch deren tragisches Scheitern. Ein Epilog widmet sich der Frage, warum dieses wichtige Thema nach 1945 innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft so lange verschwiegen wurde. Eine Begründung mag darin liegen, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Westdeutschland ein eingeschränkter Begriff für Widerstand durchsetzte: aktives Handeln, das sich auf den Sturz des NS-Regimes konzentrierte. Hilfe für verfolgte Juden wurde kaum als „ernsthafter“ Widerstand gewürdigt und war folglich nicht Bestandteil des kollektiven Gedenkens.

Zur Eröffnung der Ausstellung erschien eine reich illustrierte Begleitbroschüre.

Am 27. Januar 2013, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, zeichnete die Leuphana Universität in Lüneburg das Jüdische Museum Frankfurt für die Ausstellung mit dem Hosenfeld/Szpilman-Gedenkpreis aus. Heike Drummer und Monica Kingreen vom Kuratorenteam nahmen den Preis persönlich entgegen.

Prof Dr. Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums, sagte: „Ich freue mich sehr über diesen Preis für das Jüdische Museum. Die Verbindung unserer Ausstellung mit diesem Preis, der ja an die Rettung von Wladyslaw Szpilman durch Wilm Hosenfeld erinnern soll, berührt mich. Insbesondere freut es mich auch, dass gerade diese Ausstellung durch diesen Preis herausgehoben wird, da sie das Resultat jahrelanger Forschungsbemühungen der drei Kuratorinnen dokumentiert. Erinnern möchte ich dabei auch daran, dass diese Forschung vielfach auch in enger Kooperation mit dem Fritz Bauer Institut durchgeführt wurde.“

Der Preis erinnert an den Lehrer und Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld und den Pianisten und Komponisten Wladyslaw Szpilman. Hosenfeld hatte Szpilman 1944 im Warschauer Ghetto kennengelernt. Er rettete ihn vor dem Vernichtungslager Treblinka und damit vor dem sicheren Tod. Der polnisch-französische Regisseur Roman Polanski verfilmte diese authentische Geschichte in dem Holocaust-Drama „Der Pianist“. Das Ausstellungsprojekt des Jüdischen Museums Frankfurt hatte die neunköpfige Jury der Leuphana Universität Lüneburg überzeugt, weil es auf eindrucksvolle Weise ethisch-praktisches Widerstandshandeln dokumentiert. Mit der Auszeichnung, 2013 erstmals an ein Museum verliehen, wurden auch die der Ausstellung zugrundeliegende Forschungsleistung und die pädagogische Wirkung des Projekts gewürdigt, heißt es in der Begründung der Jury.

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